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Die Eisbrecher

Von Matthias Wilm, Mainz im November 2015

Bei ihrer Videoauswahl für „Fade into You“ orientiert sich Sabine Idstein gern an Jahres- und Gedenktagen. Für den Abend des 21.10. 2015 war es der "Trafalgarday". Es ist der Gedenktag für den Sieg der britischen Flotte unter Admiral Horatio Nelson über die vereinigte französische und spanische Flotte unter Pierre Charles de Villeneuve in der Schlacht von Trafalgar am 21. Oktober 1805. Der Gedenktag wurde im 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts mit Paraden, Feiern und Galaessen im gesamten Britischen Empire begangen. Danach verlor der Tag ab dem Ende des Ersten Weltkrieges im Jahr 1918 an Bedeutung, wie beispielsweise auch der Sedantag in Deutschland. Der Hauptgrund hierfür war, dass das Gedenken an die beiden Weltkriege zunehmend in den Vordergrund rückte.

Dem Idstein'schen Assoziationsweg folgend, kam demnach ein Video in Betracht, welches zum Trafalgarday passte und folgende Elemente enthielt:

ein maritimes Ereignis,

einen Konflikt zwischen verfeindeten Staaten,

die Wiederbelebung eines verblassenden kollektiven Ge­denkens

Vladimir‘s Journey: Eine Videoarbeit über den kalten Krieg, in dem die Österreicherin Isa Rosen­berger 2013 einen ehemaligen russischen Kapitän der sowjetischen Handelsmarine zum Thema interviewt.

Die Erzählungen des alerten Pensionärs werden dabei mehrfach unterbrochen durch Einblendungen von historischen, invertiert dargestellten, schwarz-weiß TV-Aufnahmen eines anderen Gesprächs. Dieses Gespräch hat als „Küchendebatte“ große Berühmtheit erlangt. Dabei handelt es sich um eine Fernsehdebatte aus dem Jahr 1959 zwischen dem damaligen US-Vizepräsidenten Richard Nixon und dem damals amtierenden, sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita S. Chruschtschow. Isa Rosenberger kommentiert den Zusammenschnitt wie folgt: „Das historische Archivmaterial dient in meinen Film als wichtiger Bezugspunkt, es verknüpft unterschiedliche Ebenen, Orte und Zeiten. Mein Gedanke dazu war, dass uns die Geister der Vergangenheit als untote Wiedergänger bis in die Gegenwart verfolgen. Die aktuelle Konfrontationen zwischen den USA und Russland erinnern mich zunehmend an die Rhetorik des kalten Krieges, auch wenn die Vorzeichen heute andere sind." 1)

1959 begegneten sich die beiden Staatsmänner anlässlich einer US-amerikanischen Konsumgüterausstellung in Moskau, wo sie sich sogleich vor laufenden Kameras einen verbalen Schlagabtausch lieferten. Dabei ging es, um die Vor- und Nachteile von Kommunismus und Kapitalismus. Der Titel "Küchendebatte" rührte daher, dass beide Staatsoberhäupter, während ihres Rededuells, in einer hochwertig drapierten Kulisse aus elektrischen Küchengeräten standen. Eine weitere Besonderheit der "Küchendebatte" bestand darin, dass sich beide gegenseitig "in die Hand" versprachen, die Gesprächsbeiträge des anderen, ungekürzt im heimatlichen TV zu senden. Beide gingen in Sachen Redefreiheit auf einander zu. Und auch wenn das Eis, das der Kalte Krieg zwischen ihnen aufgehäuft hatte, damit noch nicht gebrochen war, so war es doch ein erster Schritt, dem bald ein weiterer folgen sollte, als Nixon, bei seinem Besuch des atomgetriebenen Eisbrechers Lenin, seinen Wunsch nach Annäherung der beiden Supermächte, mit folgenden Worten formulierte: "The Sojviet Union and the State of Alaska are only 40 miles apart. Very little ice for the powerful Lenin. The two nations must work together to break the ice between them!"

Etwas "Geisterhaftes" an diesem Filmprojekt kommt für Rosenberger dadurch zum Vorschein, dass 2014 auf eben jenem Schiff, dem Eisbrecher Lenin – inzwischen ein Museumsschiff - eine Ausstellung zum Thema "Kalter Krieg" stattfinden sollte. Und Isa Rosenberger eingeladen worden war, zu dieser Ausstellung an Bord etwas beizutragen. Dies tat sie mit ihrem Film, "Vladimir's Journey (The Captain)". Übrigens: zum Museumsschiff wurde die Lenin nicht zuletzt dadurch, weil sie im ständigen Kampf gegen das Packeis letztlich unterlag und material ermüdete. Ihr Kiel war dünnhäutig geworden.

Isa Rosenberger Beitrag zur Ausstellung, „Kalter Krieg“, wurde also der besagte Film. In der Wahl der Mittel entschied sie sich für die Filmprojektion an Bord, und zwar dort, wo auch früher schon Filme gezeigt wurden: in der Kantine. „Projektion“ kann hier als Begriff mehrdeutig aufgefasst werden. Rein technisch gesehen, ist es die vergrößerte bzw. überhöhte Wiedergabe von Bildern mit einem Projektor. In der "Projektionstheorie" beschreibt der Begriff eine atheistische Erklärung über den Sinn von Religion. Und als psychologisches Übertragungsphänomen kennzeichnet der Begriff der Projektion einen Vorgang, bei dem wir Vorurteile auf jemanden "projizieren". Das geschieht umso leichter, je weniger wir vom anderen tatsächlich wissen. Kriegspropaganda verfolgt deshalb auch nicht gerade das Ziel, uns den Gegner menschlich näher zu bringen, sondern stellt ihn dar, als eine gefährliche und uns feindlich gesonnenen Unperson. Annäherung dagegen wirkt vertrauensbildend, weil sich das Fremde in dem Prozess zunehmend verliert. Wir vertrauen darauf, dass andere uns ähnlich sind.

Dialoge entbinden die Gegner von der Uniformität und können Vorurteile durch eigene Wahrnehmungen ersetzten. Beim Kennenlernen, trifft man wieder erkennbar auf menschliche Eigenschaften. So kann sich Projektion in Identifikation wandeln. "I hope, the russians love their childens too.", sang Sting auf dem Höhepunkt des Wettrüstens. Und das wurde auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges gehört.

Krieg, vor allem der "kalt" geführte, ist immer auch ein Medienkrieg. Was darf man glauben, im medialen Kampf um Selbstüberhöhung und Verächtlichmachung des potentiellen Gegners? Wie leicht erliegt man den Verheißungen einer Leinwand oder eines Monitors, die vergessen lassen, dass nichts, was wir darauf sehen, dort zufällig geschieht? Was Propaganda so erfolgreich macht, ist ihre Eingängigkeit. Allerdings findet sie ihre Grenzen, wenn eigene Erfahrungen dagegen stehen. Solche, wie die Erinnerungen Vladimir Ks. von denen er im Film zu berichtet und der in seiner beruflichen Laufbahn als Kapitän der sowjetischen Handelsmarine Gelegenheit fand, über den propagandistisch vorgegebenen Horizont hinaus zu blicken und Stereotype in Frage zu stellen.

Seine Freude ist nachvollziehbar, wenn er in der weißen Ausgehuniform mit den Gold-Epauletten auf den Schultern, über den Strand seines Russen-Viertels in Brooklyn/NYC flaniert, und dazu gut gelaunt feststellt, dass sich die Welt zum Guten geändert hat...

...wären da nicht die geisterhaften Erscheinungen im Film: jene TV-Mitschnitte der Küchendebatte: zwei verstaubter Fossile von einstigen Machthabern. Unscharf und manchmal kaum noch verständlich treten sie immer wieder im Film wie aus dem Hades hervor. Aber nicht nur als eine Mahnung einer langsam aussterbenden Generation an die Nachgeborenen, sondern auch als ein Versprechen.